gebildet – ent-bildet

Auf den deutschen Mystiker Meister Eckhart geht die Wortschöpfung ´entbildet´ in der Bedeutung ´alle Bilder los´ zurück. Entbildet zu sein ist nicht ungebildet im herkömmlichen Sinne, sondern dem Ursprung nahe, leer, im puren Sein, das Sein pur, ohne jegliche Vor-stellung. Wie ein leeres Blatt Papier, das nicht einmal von seinem Papier-sein weiß, geschweige denn was auf ihm er-scheinen könnte und ob überhaupt…
Ent-bildung ist nach nach Meister Eckhart eine Voraussetzung für Erkenntnis.
Der ge-bildete Mensch ist im Bilde. Sein Bild, das ist das Erlernte und Geschriebene.
Wo das Bild ist, hört das Lebendige leicht auf und das Unerwartete und Neue wird leicht übersehen.
Neurowissenschaftler haben erkannt, dass es zu „Sparmaßnahmen unseres Gehirns gehört, dass es sich das immer wieder neue Verstehen erspart“ und stattdessen Menschen, Erscheinungen etc. nach einem gelernten Schema einordnet (Joachim Bauer „Prinzip Menschlichkeit“, 2007: 193)
Embodiment-Forscher haben wiederum erkannt, dass auch der Körper Sparmaßnahmen ergreift: „Jedes Verharren in einer Haltung friert gewissermaßen die dazugehörende Emotion in dieser Haltung ein und beraubt den Körper der Fähigkeit, andere Gefühle spontan und vor allem intensiv auszudrücken. Ein Mensch, dessen Körper in Resignation erstarrt ist, bleibt selbst im Bekunden von Freude resigniert“ (Betina Cantieni „Wie gesundes Embodiment selbst gemacht wird“, 2006: 103. In: Storch, Maja u.a. „Embodiment“).
Stehen wie Ver-stehen neigen also zu Wieder-holungen und damit potentiell zu Erstarrungen. Oder wie Meister Eckhart sagt: „Ich habe ein Bild, ich gebe ein Bild ab, und ich mache mir ein Bild“ („Deutsche Predigten“, 2001: 53).
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Meine kleine persönliche Erfahrung mit dem Thema Ent-bildung:
Einmal sah ich dieses Bild oben: Die Wiederspiegelung eines ´Stilllebens´ aus dem Badezimmer-Fenster, wenn im Bad das Licht an ist, während das Licht in der Küche aus ist. Obwohl es so oder ähnlich jeden Abend und seit Jahren in der Fensterscheibe der Küche meiner Eltern bei Abenddämmerung er-schien, war ich doch die erste in der Familie, von der es erkannt wurde:
Ich war vom neuen (und alten) Bild be-geistert 😊
Mein persönliches Fazit: Ent-bildung kann zur Begeisterung führen. Bildung kann zur Ent-geisterung führen. So schaue ich, dass ich ab und zu nicht ge-bildet, sondern ent-bildet sein kann, um mich von neuen Bildern immer wieder überraschen zu lassen 😊

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