wirr oder wir?

 
Bevor 2020 Virus die Welt eroberte, hat die Künstlerin Stefanie Habermann bereits 2015 WIRus geprägt (https://www.facebook.com/photo?fbid=419134504915191&set=pcb.419137348248240)
Meine Vermutung ist nun, dass das Virus mehr als ´nur´ die prägende Erscheinung der heutigen Zeit ist. Es ist, so meine These, ein Symptom dafür, dass sich zarte Risse in der bisherigen kollektiven Ordnung zeigen, die eher ein WIRRus als ein WIRus war.
 
Ich bin ein Kind der Brüche, auf den Trümmern des Zerfalls der Sowjetunion damals aufgewachsen. Das macht mich für Brüche jeder Art etwas sensibler.
 
Vor ca. 10 Jahren kam ich voller Freude und Enthusiasmus nach Deutschland, um hier zu promovieren. Ich ließ meine Heimatuniversität zurück, in der Hoffnung, dass es hier anders ist, freier.. Ich hatte so eine Vision, dieses Andere später in meine Heimat einzuschmuggeln.
Damals konnte ich nicht ahnen, dass ich in Deutschland mehr über mich als über dieses Andere lernen würde.
Denn das Andere entpuppte sich bei näherer Betrachtung als gleich, nämlich genauso top down im Sinne von systematisch hierarchisch, zumindest an der Uni..
Der Wille der hierarchisch Höheren ist zu befolgen, geschriebene und ungeschriebene Regeln samt sozialen Spielchen auch. Eigene Wünsche, Träume und Visionen sind aufzugeben. Als bester Schutz (z.B. vor meist unbewusstem Neid) gilt Unauffälligkeit. Man verstecke vorsichtshalber alles, was anderen der eigenen Einschätzung nach irgendwie verdächtig erscheinen könnte. Eine ungewöhnliche Meinung kann z.B. als Indiz für Zugehörigkeit zu einer Sekte oder einer nicht anerkannten Gruppierung gedeutet werden. „Halt den Mund“, pflegte meine Mutter zu mir als Kind zu sagen.. (was zur Folge hatte, dass ich in der Schule ein Fisch-Dasein fristete). „Halte den Mund“ war auch die Empfehlung eines KGB-Mannes an meine Mutter, als sie zu arbeiten anfing (der KGB-Mann hat meinen Dissidenten-Opa ausspioniert und war deshalb oft bei uns als Gast zu Besuch..)
Das Kollektiv galt in der bisherigen Auffassung als zweckgebundene Gemeinschaft, die einer parteilichen Richtung folgt. Die Richtung wurde von oben bestimmt, top-down. Das Wir war wichtiger als das Ich. Der Ältere, der Stärkere hatte immer recht (meine Mutter erzählte, wie sie als Fünfjährige von ihrem Onkel einen Tritt bekommen hat, weil sie beim Walnüsse-Sammeln viel geschickter und schneller war, weshalb sie als böswillige Konkurrenz erlebt wurde).
 
Beziehungen waren in einem solchen Kollektiv das Thema an sich. Doch eigentlich war die Beziehungslogik simpel, denn es standen meist drei Rollen zur Verfügung, wobei man von einer unbewussten Kraft von der einen in die andere geschleudert wurde. Dabei fühlten sich alle drei – abgesehen von einer vielleicht kurzweiligen Lust – unbefriedigend an: Täter => Opfer => Helfer. Sie ähnelten einem schwarzen Loch oder besser: Einem Bermudas-Dreieck, in dem man für immer verschwinden konnte. Die Rollendynamik machte es fast unmöglich, sich vielleicht auch mal von einer bisher unbekannten Seite zu zeigen.
Über eigene Bedürfnisse und Gefühle zu kommunizieren, kam einer Schwäche (und damit einer Opferrolle) gleich. Deshalb schwieg man über das Wichtige und stritt man über das Unwichtige. Man sehnte sich zwar nach Kooperation, doch man sah sich – meist unbewusst – als Konkurrenz. Das, was man war, zählte nicht, sondern das, was man wurde oder tat oder leistete, um nicht so zu sein, wie man war. Aktionismus war deshalb ein bewährtes Erfolgsmuster.
 
Dass das Ich unter solchen Umständen sich verbiegen und verbieten muss, ist klar. Davon wird es mehr oder weniger wirr. Und wirr geht auf das mittelhochdeutsche werre mit der Bedeutung ´Ärgernis, Zank, Streit, Verwicklung, Not’ zurück. Viele wirre Ichs wiederum ergeben ein Wirr. Nach einer gewissen Zeit im Wirr entwickelt man Zugehörigkeitssymptome wie einen schiefen Rücken und/oder eine wirre Psyche. Das erstere illustriert das Bild oben (Quelle: Betina Cantieni „Wie gesundes Embodiment selbst gemacht wird“. In: Storch, Maja u.a. (2006): Embodiment. Die Wechselwirkung von Körper und Psyche verstehen und nutzen, S. 122).
 
Seit einiger Zeit geht in meiner Heimat, der Ukraine, ein Lied viral. Es hat den Titel „geweint“ und handelt davon, wie Frauen unterschiedlicher Generationen gemeinsam in der Küche weinen (Küche ist noch aus der Sowjetzeit ein Symbol. Da wurden die wichtigsten und ehrlichsten Gespräche geführt). Kennt ihr solche Momente der gemeinsam erlebten und dann gemeinsam abgebauten Spannung? Wenn nicht, dann kann ich nur versichern: Es gibt nichts besseres und befreienderes! Nun, Weinen ist in meiner Heimat nicht so ungewöhnlich wie in Deutschland (vllt. hängt es damit zusammen, dass meiner Heimat lange die Opfer-Rolle zukam). Doch es war auch da nicht üblich, öffentlich zu weinen. So ist das benannte Lied ein Tabubruch. (falls jemand hören möchte: https://www.youtube.com/watch?v=5Fv19KVVya8)
 
Ich beschließe nun auch für mich einen Tabubruch: Ich verlasse das Wirr und entscheide mich bewusst für das Wir. Dazu schreibe ich die Wörter AUF AUGENHÖHE und KOOPERATION groß und lerne, meine Bedürfnisse und Gefühle offen zu kommunizieren und mich meinen Mitmenschen in meinem Sosein zuzumuten. Selbst wenn mein Versuch scheitern sollte, weiß ich zumindest, dass ich einen Versuch unternommen habe. Wobei höchstwahrscheinlich (und hoffentlich) es bei einem Versuch nicht bleiben wird, das WIRRus in das WIRus umzuwandeln.

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