Schein oder Sein. Rückschau #1

Kein Zufall, dass sich diese Wörter so ähneln und ineinander übergehen: S(ch)ein. Denn das Sein kann sozusagen zum Schein gefälscht werden und sich dann als Sein ausgeben. Und dennoch spüren wir oft intuitiv ganz genau, wo Sein und wo Schein ist. Sie lassen sich – wenn man gut hinsieht – genauso wenig verwechseln, wie ein Mensch sich mit seinem Bild verwechseln lässt. Der Schein ist also nicht das Sein. Wenn ich mich deshalb für den Schein entscheide (unbewusst versteht sich), so bin ich in einer Kopie bzw. einem Bild gefangen. Ich bin in einer Seifenblase einer (eigens und fremd(?) kreierten) Vor-stellung, ohne dass ich es merke. Dann ist es einfach so, dass ich mich in einem Wasserbläschen durch das Leben bewege (wie im Bild oben), in einer Annahme, dass es mich vor dem Wasser (das für das Leben steht) schützt.

Veit Lindau hat dafür in seinem Buch „SeelenGevögelt. Manifest für das Leben“ das Bild des „Ganzkörperkondoms“ gewählt, das witzig und traurig zugleich ist. Es steht für eine absolute Abschottung und Abwehrhaltung dem Leben gegenüber, wie ich sie auch seeeeehr lange gelebt habe und aus der ich nur langsam herausfinde.

Am Anfang

Es ist ja auch nicht so, dass ich mich freiwillig für den Schein entschieden habe, denn jedes Wesen sehnt sich nach dem echten, unbegrenzten Leben statt Käfig. Es ist ja unsere Natur, die uns ruft, uns immer wieder und immer mehr als Zentrum des eigenen Handelns und Schöpfens zu erleben. Bereits diese sehr beliebig zusammengestellte Skala der Belebtheit spricht dafür:

Stein/ Fels => Baum => Schlaftier => Vogel => Mensch => Gott (?).

Was ist denn ´schief gegangen´, dass ich es aufgegeben und mich damit abgefunden habe, mich in einer Wasserblase durch das Leben bewegen, mich schützen zu müssen? Es war die Angst. Und Angst steht im Gegensatz zum Urvertrauen.

Angst => Enge

Ich hörte immer wieder als Kind die Worte meiner Mutter sagen: „Hab keine Angst!“ Aber sie nützten mir ehrlich gesagt wenig, denn es ist, wie wenn man einem Hungrigen sagen würde: „Hab keinen Hunger!“. Aber wenn Angst, Hunger etc. schon da sind, hilft es wenig zu sagen, dass man dies so nicht fühlen sollte. Das minimiert nicht nur die Angst nicht, sondern erschafft noch einen zusätzlichen Konflikt: Das, was ich fühle, ist nicht ok; also ich bin nicht ok, wenn ich das fühle. Der Angst blieb ich also ausgeliefert, trotz der ´richtenden´ Worte meiner Mutter.

Genau, meine Mutter verwandelte sich in solchen Momenten unbewusst in einen Richter, der meine Angst ver-urteilte. Und Urteil ist ja keine Heilung. Heilend ist für mich nun selbst zu fragen: Was ist Angst? Und woher kam/kommt sie denn?

Angst kommt von Enge. Und Enge ist eine geistige und körperliche Regung, zu erstarren, sich eng und klein zu fühlen (na gut, kämpfen oder fliehen wären auch zwei weitere Optionen, die man jedoch als Kind verständlicherweise nicht hatte). Das Gegenteil wäre eine Regung des Sich-Öffnens. Beide erfolgen automatisch, ohne mein bewusstes Wollen oder Zutun, denn sie sind direkt nervensystemgesteuert.

So ist sinnvoll zu fragen: Wann kann ich mich öffnen und wann muss ich mich verschließen? Ich öffne mich, wenn ich mich sicher und geborgen in meinem So-sein fühle, also in der Gewissheit bin, dass ich ok bin, wie ich bin, genau hier und jetzt ok, und auch mich so zeigen darf. Angst wäre damit ein Mangel daran, ein Gefühl des Sich-Verengens und einer Gefährdung. Etwas musste also passiert sein, was mich an meinem Urvertrauen (alle Wesen, die auf dem Planeten ankommen, sind mit Urvertrauen – zumindest als Potential – ausgestattet) sehr früh erschüttert bzw. mich oft genug gehindert hat, es zu spüren.

Was es genau war und wie es war, daran kann ich mich natürlich jetzt nicht mehr erinnern, denn damals habe ich mich ja als Eins mit meiner Umgebung, vor allem mit der Mutter erlebt. Habe ich also im Familiensystem, in der Interaktion mit den von mir über alles geliebten Menschen, das Muster des Sich-Verengens und Klein-Fühlens verinnerlicht? Denn nur so konnte ich ja die Angst und andere Emotionen verinnerlichen, sodass sie allmählich zu meinem Innern wurden, als Ich erschienen. Zuerst war ich also macht- und schutzlos meinem inneren Erleben ausgesetzt und auf die Hilfe meiner Umgebung und vor allem meiner engsten Bezugsperson, der Mutter, angewiesen. Ich war be-dürftig.

Be-dürfen

bedürfen geht auf dürfen zurück. Wenn ich also etwas bedarf, ist es kein Mangel (dürftig), sondern ich darf etwas und darf es dürfen. Dieses Etwas ist mein natürliches Bedürfnis, also mir angeboren. Alice Miller führt in ihrem Buch „Das Drama des begabten Kindes und die Suche nach dem wahren Selbst“ solche Grundbedürfnisse auf. Es sind zum Beispiel: Für das eigene So-sein geachtet und respektiert zu werden, also als Wesen, wie man es gerade ist, ernstgenommen zu werden, sich auch so zeigen zu dürfen, wie man gerade ist, zum Beispiel in seiner Ohnmacht oder seiner Angst. Hier kommt das Nicht-dürfen ins Spiel: Sind bestimmte Grundbedürfnisse bei der Bezugsperson selber zur rechten Zeit unbefriedigt geblieben, ist diese unbewusst (da sie ja selber davon nichts weiß) selber bedürftig und getrieben, das damals unbefriedigt Gebliebene doch noch irgendwie befriedigt zu bekommen. Und dafür eignet sich, so Alice Miller, am besten ein bedürftiges Kind, unbewusst versteht sich. Es wird dann nicht in seinem momentanen So-sein angenommen, sondern wird frühzeitig dahingehend er-zogen, auf eine bestimmte Weise zu sein. Es wird zum Erziehungs-Objekt, statt in seinem So-sein-Bedürfnis respektiert zu werden:

Ein Kind kann man erziehen, daß es so wird, wie man es gerne hätte. Beim Kind kann man sich Respekt verschaffen, man kann ihm seine eigenen Gefühle zumuten, man kann sich in seiner Liebe und Bewunderung spiegeln, man kann sich neben ihm stark fühlen (…)“

Miller, Alice (2018): Das Drama des begabten Kindes und die Suche nach dem wahren Selbst, S. 27.

Oh, blitzartig erkenne ich beim Lesen, woher mein viel späteres Misstrauen den Menschen gegenüber und ein häufiges Überfordert-Sein kamen, die mich oft verzweifeln ließen, denn dazugehören und lieben wollte ich über alles, wie alle anderen auch… Ich wurde – unbewusst – im Gefühl der Schwäche ´gehalten´, durfte nicht in meine eigene Kraft kommen.

Emotional Bedürftige lieben ein – wenn auch flüchtiges – Gefühl der Überlegenheit und Stärke. Das machte mich nicht nur für meine Eltern ´bequem´, sondern auch für meinen 13 Jahre älteren Bruder, denn auch er konnte sich – unbewusst natürlich – vor meinem damals hilflosen Hintergrund als stark fühlen und so die Liebe unserer Mutter verdienen. Sie durfte selber als Kind nie schwach sein und wurde sehr frühzeitig zur ´Stärke´ er-zogen.

Meinem Bruder, der – wie ich – sich rechtzeitig stark fühlen musste, war meine Bedürftigkeit sehr gelegen, denn er hatte endlich jemand, vor dessen Hintergrund er als stark erscheinen konnte. Zum Beispiel, als er mir das Laufen beigebracht hat. Da muss er meine Bedürftigkeit sehr ausgenutzt haben, denn er konnte ja schon längst laufen. Er brachte mich damals, wie mir später von ihm selber erzählt wurde, in Wut und Verzweiflung. Bei unserer Mutter konnte er sich mit seiner Hilfsbereitschaft bei der Erziehung der jüngeren Schwester ver-dienen und be-liebt machen. Unter dieser unbewussten Machtausübung habe ich rechtzeitig früh gelernt, überfordert zu sein, unter Überforderung etwas zu lernen. Später habe ich mich auf dieser Er-ziehungs-Basis selbst ständig überfordert.

Aber damals war mein ´Fleiß´ auch meiner Mutter sehr gelegen. Sie konnte ihr Abbild einer sehr sehr Fleißigen in mir genießen. Und ich habe rechtzeitig gelernt, es anderen recht zu machen, um mich so zu ver-dienen. Niemand von ihnen ahnte es, denn es passierte ja auch unbewusst, dass ich für mein frühes Erwachsenwerden und Bemühen um das Gesehen- und Wertgeschätzt-Werden, meine Zuverlässigkeit und meinen Perfektionismus später einen hohen Preis in Form von Depression und Burnout bezahlen musste. Außerdem wollte ich alles allein machen, denn ich wurde ja auch früh genug in meinen Gefühlen allein gelassen. „Was für ein fleißiges, selbständiges Kind!“, wurde oft meiner Mutter in meiner Gegenwart gesagt. Ein Stolz meiner Eltern, ein Aushängeschild ihrer perfekten Er-Ziehung.

Machtausübung im Gesetz

Die unbewusste Machtausübung am Kind ist normal, während die gesellschaftliche Moral in Form des vierten Gebots den Respekt gegenüber den Eltern einfordert (Du sollst deinen Vater und deine Mutter ehren). Auch wenn es sowieso absurd ist, sich Ehre in Form eines äußeren Gebots verschaffen zu wollen: Das Kind wird moralisch zum Gehorsam gegenüber den Älteren, Lehrern und Vorgesetzten er-zogen (ich kann mich an die frühen Schuldgefühle meinem Vater gegenüber erinnern, wenn ich mich nicht als liebende Tochter gezeigt habe, wobei ich – wie jedes Wesen auf diesem Planeten – über alles lieben und geliebt werden wollte). Eine wunderbare Grundlage für spätere Hörigkeit nicht nur auf den Arbeitgeber, sondern auch auf alle, die stärker, höher, machtvoller sind. Wessen Ordnung ist das, in die wir so fleißig von allen Seiten hineindressiert werden? Göttliche oder einfach nur eine hierarchische, menschengemachte Ordnung, die der tierischen viel näher steht? (denn auch Hühner im Stall kennen Hierarchie, wie ich das bei meinen Großeltern in den Ferien erlebt habe).

Ein Blick auf die Etymologie von Respekt ließe auf eine echte Göttliche Ordnung im Respekt vor dem Schwächeren schließen, nicht auf einen moralisch geforderten Respekt vor dem hierarchisch Höheren. Denn Respekt kommt von respektieren, das seinerseits auf lat. respicere, das heißt zurückblicken, zurückgeht. Respektieren würde heißen: Ich schaue zurück auf meine eigene kindliche Bedürftigkeit, auf meine Schwäche, auf mein Ausgeliefertsein, ich würdige meine tierische Vergangenheit, die sich in Form eines hilflosen Kindes in mir zeigt; ich weiß um die echte Stärke, die das Schwächere ernstnimmt, denn Schwäche und Stärke gehören zusammen; in der einstigen Schwäche ist Stärke bereits angelegt; aus einem schwachen Wesen bin auch ich entstanden; Schwäche darf sein und ist nicht verurteilenswert.

Selbst-Annahme vs. Selbst-Aufgabe

Wenn sich bestimmte Aspekte von mir nicht zeigen durften oder verachtet, nicht ernstgenommen wurden, konnte ich sie nicht rechtzeitig in mir integrieren. Sie gingen in die Ab-spaltung, sodass ich sie auch in anderen nicht zu würdigen wusste. Dabei haben mich die abgelehnten Aspekte meines Selbst sehr geschmerzt, mich keinen Frieden finden lassen. Ich habe mich hinter einem künstlichen Schein versteckt, in der Angst, diese ´dunklen´ Seiten könnten doch noch an die Oberfläche kommen, von anderen entlarvt werden. Und doch wurde ich immer wieder mit dem – nun verinnerlichten – Schein-sein konfrontiert.

Um-wege im Außen

Um-wege im Außen gehe ich, wenn ich auf Vermeidungskurs meines wahren Selbst bin. Auch die Gesellschaft unterstützt mich „erfolgreich“, mich vor meiner eigenen Wahrheit zu „schützen“. Gebote, Verbote und diverse Normierungen samt Erwartungen dienen dazu, mich davon fernzuhalten, meine wahren Bedürfnisse und Freuden zu erkunden und ihnen nachzugehen. Es herrscht eine „Normalität“-Verehrung, wie es Alice Miller in ihrem oben zitierten Buch (S. 143) so treffend bezeichnet.

Um-wege im Innern

Und natürlich suchen sich die einst unter-drückten Bedürfnisse einen Ausdruck. Aber ab-gespalten, denn sie durften sich ja nicht zeigen damals und sie dürfen sich auch jetzt nicht zeigen. Das oben erwähnte Beispiel noch mal: Es war gern gesehen, dass ich als Kind fleißig war. Meine Mutter ist Workoholikerin und um ihrem Bild zu entsprechen, musste ich immer beschäftigt sein oder zumindest den Anschein einer Zweckerfüllung erwecken. Unlust an einer Tätigkeit oder am Zuviel von dieser Tätigkeit musste ich unterdrücken. Da ich dann später im Erwachsenenleben die innere Unterscheidung zwischen ich mache das, weil ich will und ich mache das, weil ich muss nicht kannte, gab es auch keinen inneren Mechanismus zu merken, dass ich eigentlich keinen Bock auf die Promotion hatte, weil ich bereits müde und erschöpft von meinem früheren Leben war. So hat sich die unbewusste Unlust über eine Depression einen Weg gefunden;) Denn unbewusst habe ich ja, wie wir alle, gelernt: Wenn ich krank bin, so darf ich mich erholen, dann werden keine Forderungen an mich gestellt. Ich bleibe dann von einer Dauerüberforderung verschont, etwas immer tun und das immer perfekt tun zu müssen.

Aus-Wege

Ein Aus-weg ist immer der Weg zu sich selbst, zu meinem eigenen So-sein-Dürfen, wie es sich von Moment zu Moment äußert. Mal faul und mal fleißig, mal ängstlich und mal bedürftig, mal autonom und autark, mal schwach. Alles gehört gleichermaßen zu mir und das Wasserbläschen, in dem ich so lange überlebt habe, ist ein künstliches Konstrukt. Natürlich kann ich niemand beschuldigen, dass ich einst in meinem So-sein nicht gesehen und respektiert wurde, denn es ist unser allgemein menschliches Erbe, aber ich kann lernen, mich selbst anzunehmen und zu respektieren, wie ich gerade bin. Auch Schwäche, Trauer, Ohnmacht, Verlassenheitsgefühl gehören zu mir und dürfen sein, wenn sie sich zeigen. Ich bin dadurch nicht schlechter und nicht verurteilenswert. Genauso wenig wie diejenigen, die mich damals nicht angenommen haben. Denn sie haben es nicht ab-sichtlich (zum Ziel habend) gemacht, denn ihre Ziele waren alle sehr edel. Sie handelten aus ihrer großen Not heraus. Ja, das fällt sehr schwer, das Ideal der mich über alles liebenden Eltern aufzugeben, der starken Eltern, die für mich immer da waren. Ja, sie waren selber be-dürftig, nur das selber nicht wissend. So kann ich aus dieser Perspektive erkennen: Meine Wunden sind ihre Wunden, sind Wunden der ganzen Menschheit. Ich darf sie annehmen und selber heilen. Und ob ich in diesem Leben noch bedingungslos alles und alle lieben kann, überlasse ich dem Leben, das sich durch eine Höhere Intelligenz stets selbst reguliert. Zugleich lerne ich unbewusste Muster aufdecken, die mich lange gesteuert haben, Kräfte erkunden, die einst das kleine Wasserbläschen kreiert haben. Ob und wieviel Erfolg ich dabei habe, liegt auch nicht in meiner Hand. Er-folg ist schließlich das, was aus dem Inneren folgt, eine Folge und nicht das Ziel meines Be-mühens.

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