Er-inner-ungen

sich erinnern = sich vorstellen

Gestern hat unsere Aufmerksamkeit die Doku „Erinnerungen: Wie wir uns irren“ angezogen (https://www.youtube.com/watch?v=Nl9ZUMLjrBw). Neurowissenschaftler haben nachgewiesen, dass Erinnerungen in unserem Gehirn nur lückenhaft gespeichert werden. Dabei ergänzt das Gehirn fehlende Teile durch das, was es schon früher abgespeichert hat, zum Beispiel frühere Erfahrungen, gesellschaftliche Vorstellungen oder kulturelle Stereotype. So entsteht ein für das Gehirn kohärentes Bild, das (anhand der ´hinzugedachten´ Anteile) nie hundertprozentig mit der Realität übereinstimmt. Solch ein Bild ist jedoch aus Sicht des Gehirns wahr (da es nicht bewusst zwischen objektiven und früher abgespeichrten Anteilen unterscheiden kann). So gesehen sind Erinnerungen de facto nichts anderes als Vorstellungen für unser Gehirn. Denn es gleicht permanent neu eingetroffene Daten mit den bereits vorhandenen Bildern ab, sodass sich etwas Neues stets und notwendigerweise mit etwas Bekanntem vermischen muss. Darauf deutet übrigens bereits das Wort ´sich erinnern´ hin, in dem das mittelhochdeutsche ´inner´ mit der Bedeutung ´inwendig, im Innern liegend´ steckt (vgl. https://www.dwds.de/wb/erinnern). Das, was bereits im Inneren ist, vermischt sich mit neuen Eindrücken, die von außen kommen, sodass ein neues Bild, eine Erinnerung entsteht. Es wurde zudem nachgewiesen, dass sich eine Erinnerung sehr vage im Gehirn hält. Mit jedem Erzählen des Erinnerten wird etwas ver- oder eingeschoben, ein winziges, aber unter Umständen wichtiges, Detail kommt hinzu oder wird gelöscht. Dabei wird immer die neueste Version vom Gehirn abgespeichert. Es ist wie bei einem Update. Es ist sehr spannend, wie sich die Vagheit der Erinnerungen mithilfe von neurowissenschaftlichen Methoden nachweisen lässt. Der Verstand, der sich selbst auf die Schliche kommt.. Ein ´kleiner´ Haken ist jedoch, dass der Verstand seine eigene Begrenztheit natürlich nicht erkennt. Und die ist offensichtlich.

Ist Gehirn defizitär?

Aus Sicht des denkenden Verstandes ist die Evolution des Gehirns falsch, zumindest defizitär, denn das Gehirn müsste beim Abspeichern so genau wie ein Komputer sein, das heißt alles ´richtig´ und präzise abspeichern. Von dieser Präsupposition, das heißt einem unausgesprochenen, aber still als gültig angenommenen Urteil, gelangen Forscher zu einem zweiten ebensolchen ´stillen´ Urteil: Wissenschaft hat hier etwas zu tun, um diesem evolutionären Manko Abhilfe zu schaffen, und zwar um Erinnerungen manipulieren zu können. Natürlich zu guten Zwecken, wie eine Traumaheilung oder Alzheimermilderung. Damit würde es reichen, bestimmte Datensequenzen im Gehirn durch Einwirkung von künstlichen Substanzen zu löschen, zu erneuern oder auszutauschen (klar, bis jetzt bei Mäusen und Fruchtfliegen..). Die Frage, ob dieses ´Defizit´ des Gehirns eventuell einen evolutionären Sinn haben könnte, wird gar nicht gestellt (man will es sich ja auch nicht zu schwer und komplex machen..). Dabei könnte sich bereits bei gesundem Menschenverstand betrachtet die Vorteilhaftigkeit eines vagen Erinnerungsvermögens anbieten: Das Gehirn ist kreativ und interpretativ, das heißt es meidet ABSICHTLICH eine präzise Abspeicherung, die ein starres Bild von der Realität nach sich ziehen würde. Es ist flexibel und stellt dem Menschen Kapazitäten zur Verfügung, das, was unter Umständen Dramatisches geschehen ist, umzuwerten oder durch neue Erfahrungen zu überschreiben, das heißt selber zu korrigieren. Damit ist der Mensch nicht ´Wiederkäuer´ der bereits eingespeisten Daten (wie der Komputer), sondern ein (Mit)Schöpfer, ein Künstler. So kann er selbst die traumatischsten Erinnerungen durch eine Umwertung verarbeiten, klären (klar, es geht natürlich auch in die entgegengesetzte Richtung, das wohlbekannte ´aus einer Fliege einen Elefanten machen´..), und dazu selbstverantwortlich, in seinem eigenen Tempo und gemäß seinen eigenen Vorstellungen. So kann aus dem Alten stets etwas Neues entstehen. Ohne ein vorhergesehenes Ergebnis und überraschend, wie es immer der Fall in der Natur ist. Die Starrheit des Gehirns wäre so gesehen für die Freiheit des Menschen kontraproduktiv, während die (Neuro)Wissenschaft dies als Ideal ansieht. Kein Wunder, denn die Wissenschaft repräsentiert in ihrer heutigen Form den Verstand und dem denkenden Verstand wäre ein starres, präzises Robotergehirn sicherlich lieber: Es würde für ihn mehr ´Sicherheit´, ´Lenkbarkeit´ und Vorhersagbarkeit bedeuten, all das, was er sooo sehr liebt. Dass das auf Kosten eines selbstverantwortlichen Handelns und einer schöpferischen Freiheit geschehen würde, sieht er und die heutige Wissenschaft leider nicht.

Ist Gehirn für sich allein?

Neurowissenschaftliche Erkenntnisse klammern ein äußerst komplexes Zusammenspiel zwischen dem evolutionär primären Bauchhirn (= Darm) und dem evolutionär sekundären Kopfhirn aus (vgl. dazu https://www.youtube.com/watch?v=bFFZo4TkEV8). Damit sind Gedanken nie für sich allein, sondern steigen wie Wellen vom Meeresboden an die Oberfläche. Oder auch: Sie erscheinen auf dem Monitor, wo sie vom Bewusstsein wahrgenommen und unter Umständen korrigiert werden können. Mit anderen Worten stehen sie zu Signalen aus dem Bauch in direkter Verbindung, wollen etwas sagen, was sich im Unbewussten, das heißt im Verborgenen und Wortlosen, unter der Wasseroberfläche abspielt. ´Wie im Himmel so auf Erden´, ´wie oben so unten´ heißt die alte mystische Weisheit. Der Verstand wäre bildhaft gesprochen nur Abbild der Sonne im Wasser:

Ist das Löschen oder Manipulieren des Abbilds aus dieser Perspektive sinnvoll? Es wäre mit dem falschen Deinstallieren von Komputerprogrammen vergleichbar, die man nicht mehr haben will. Sie wären nicht (vollständig) gelöscht bzw. verarbeitet und führten im Bauch ein unsichtbares Leben weiter. Die Entsprechung bzw. die Wiederspiegelung in der Gedankenwelt wäre nicht mehr gegeben. Damit wäre es dem Betroffenen nicht mehr möglich, sich der oft destruktiven Programmierungen in seinem Inneren bewusst zu werden, sie zu bereinigen. Sie wären vor ihm sicher versteckt. Natürliche Folge: Auf den ersten Blick würde es so aussehen, dass der Mensch von ´schlechten´ oder ´falschen´ Erinnerungen befreit wäre, bewusst gesehen und geheilt wären sie aber nicht, nur gut versteckt, nach unten verbannt. Es ist wie einen sehr unbequemen Teil, zum Beispiel eine Leiche, im Keller des eigenen Hauses zu verstecken. Den Betroffenen kann man leider die Konfrontation mit sich selber durch Löschen bzw. Verstecken von unbequemen Teilen von ihnen nicht ersparen. Es wäre nur eine kurzzeitige Erleichterung, aber keine Ganzwerdung, Heilung (´heil´ bedeutet nichts anderes als ´ganz´, ´unversehrt´). Der gefeierte Erfolg der Neurowissenschaftler im ´Bändigen´ des menschlichen Gehirns ist nichts anderes als Selbstbetrug und führt langfristig in eine Sackgasse.

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