Gartengestaltung oder wie künstliche Welt entsteht


Es war kurz vor Weihnachten, als mir am Waldrande, wo ich spazieren ging, diese zwei Phänomene kurz hintereinander begegneten: Ein Stand, wo Christbäume mit dem Etikett „Qualität aus Steigerwald“ verkauft wurden, und ein paar Schritte weiter ein Lastwagen mit der Aufschrift „Gartengestaltung“ und der entsprechenden Internetadresse: www.gartengestaltung-grosskopf.de (leider hatte ich nicht die Kamera dabei, sodass das Bild allein in meinem ´Kleinkopf´ gespeichert werden musste).

Die Anhäufung von Zeichen schien mir surreal und absolut nicht zufällig zu sein. Als ob die Höhere Macht besonders subtil und humorvoll auf einige Verdrehungen hinweisen wollte, die vom menschlichen Verstand, der ja an routinierte Alltags- und Denkabläufe äußerst gewöhnt ist, leicht übersehen werden. Es wurde mir auf Anhieb klar: Wie lustig; der Verstand übersieht sich selbst, reflektiert nicht über sich selbst; dabei liegen die Zeichen direkt auf dem Wege… Und genau dazu laden sie ein, besonders wenn sie angehäuft und flüchtig auf einen einprasseln. Also was haben Gestaltung, Großkopf und das Etikett Qualität aus Steigerwald, mit dem die Christbäume versehen wurden, zu sagen, welches Geheimnis zu enthüllen?

Gestaltung <= Gestalt, Großkopf <= Ego-Verstand

Das Wort Gestaltung ist von Gestalt abgeleitet und Gestalt ist das, wie sich unser Verstand ein Bild von der Realität macht. Ähnliche oder ähnlich vorkommende Phänomene werden gruppiert und als eine abstrakte, auf ein paar ausgewählte, dem Verstand als wesentlich vorkommende, Merkmale, eben als Gestalt, gespeichert. Gestalten machen es möglich und leicht, weitere und auf den ersten Blick ähnliche Phänomene zu erkennen und zu klassifizieren. Zum Beispiel haben wir als Kind verschiedene Häuser gesehen und machten uns ein Bild, wie ein Haus aussieht, was unsere Kinderzeichnungen von Häusern zu erkennen gaben. Wenn wir dann später weniger typische oder sogar untypische Häuser zu Gesicht bekamen, leuchtete der Verstand rot, als ob er sagen wollte: „Achtung. Eine Abweichung hier“ oder „Du verlässt das bekannte Terrain“. Damit ging automatisch eine Bewertung (zum Beispiel „Was für ein komisches Haus!“) oder eine Verwirrung („Was ist das? Ist das etwa ein Haus?“) einher.

Dieses Phänomen kann man sehr gut bei sich selbst beobachten. Nur ein Beispiel dazu: Neulich radelte ich durch die Stadt und mein Verstand ´stieß´ auf eine menschliche ´Gestalt´, die ihn in eine vollkommene Verwirrung versetzte. Er konnte keine Zuordnung treffen: Mann oder Frau? (vor längerer Zeit habe ich gelesen, dass die Geschlechtszuordnung das erste überhaupt ist, was der Verstand macht, wenn er auf einen ihm unbekannten, neuen Menschen trifft). Es war lustig, mich dabei selber zu ertappen, denn dies zeigte, wie automatisch solche Zuordnungen ablaufen, denn es lag mir keinesfalls am benannten Menschen, er war mir situativ vollkommen fern, aber der Verstand beschäftigte sich automatisch damit, ohne meinen Willen. Er ließ auch nicht locker, bis die Zuordnung getroffen wurde, wobei ein entscheidendes Indiz die Stimme gab: „Ah, eine Frau..“. Kognitive Gestalten, in der Linguistik auch Frames genannt (Stichwort Framesemantik), sind nicht nur durch individuelle Erfahrungen, sondern auch entscheidend kulturell geprägt (was sich auch von allein versteht, denn individuelle Erfahrungen, zumindest die grundlegendsten und prägendsten, mache ich ja auch innerhalb einer bestimmten Kultur). So bekommen schwedische Kinder eine andere Vorstellung vom Haus als deutsche oder indianische etc.

Nun zu Gestaltung im Kontext von Garten und Großkopf. Die hiesige und gängige Vorstellung vom Garten ist, dass er durch menschliche Hand gestaltet ist. Es ist eher nicht ein natürlich und damit wild wuchernder Garten, sondern einer, wo sich die Natur der menschlichen Vorstellung ´beugen´, sozusagen in ihre Schranken ´zurechtrücken´ lassen muss. Ein Garten ist immer (bis zu einem gewissen Grade) gepflegt, wobei der neueste Trend ist, mehr der Natürlichkeit den Raum zu überlassen, damit der Garten den Anschein eines wild wuchernden Gartens erweckt, wobei dies – wie das Wort Anschein schon sagt – nur eine Imitation der Natürlichkeit unter dem streng beobachtenden Auge des Gärtners wäre. Aber gut. Der Garten ist auf alle Fälle kein Wald und keine Wildnis, sondern der Ort einer – zumindest minimalen – Kontrolle. Was wachsen darf und was nicht, entscheidet nicht die Natur (zu der ein unbewusstes und tiefes kulturelles Misstrauen herrscht), sondern letztendlich der Mensch oder besser gesagt sein Verstand. Und in diesem Zusammenhang erscheint die Verbindung von Gestaltung und Großkopf in www.gartengestaltung-grosskopf.de besonders bedeutend und witzig. Genau auf diesen urteilenden Verstand weist Großkopf hin. Denn dieser Verstand hält von sich viel, hält sich für all-, zumindest vielwissend und mächtig. Deshalb misstraut er dem Natürlichen und sieht sich als Beobachtungs- bzw. Überwachungsinstanz für jede Regung der Natur. Dabei ist seine Begrenztheit offensichtlich:

  • Gestalten im Kopf entstehen anhand eines hohen Abstraktionsgrades, der nur anhand eines wesentlichen Absehens von Details geschehen kann,
  • sie sind funktionell, für eine elementare Orientierung und für das Überleben sinnvoll,
  • sie sind starr und wertend gegenüber Phänomenen, die von ihnen abweichen.

Besonders die Starrheit macht es dem menschlichen Ego-Verstand zu schaffen. Während Kinder noch einen ´biegsamen´ Verstand haben, sodass kategorielle Grenzverschiebungen sehr willkommen sind (im Stadium des Spracherwerbs zum Beispiel bezeichnet zunächst das Kind alle runden Dinge mit Ball, auch den Mond möglicherweise, lernt aber sehr schnell weitere kategorielle Merkmale hinzuzufügen, wodurch eine präzisere Bezeichnung ermöglicht wird), ´versteinert´ sich der erwachsene Ego-Verstand auf sehr feste Vorstellungen und Begriffe, anstatt sich immer mehr in seiner Wahrnehmung zu verfeinern. Es entsteht somit eine Dissonanz zwischen einer sich schnell verändernden Natur und der Trägheit des Ego-Verstandes, wodurch natürlich der Verstand oft zutiefst verunsichert ist und die Natur als unsicher und feindlich einschätzt. Seine Vorstellungen und Phantasien sind ihm dabei lieber, denn sie ´beschützen´ ihn vor der ´wilden´, unberechenbaren Natur. Dass er dabei Fehler in der Realitätseinschätzung macht, ist selbstverständlich. Denn wenn ich mich auf meine vergangenen Vorstellungen verlasse statt hundertprozentig achtsam und offen für den Moment zu sein, entgehen mir sehr feine, oft subtile Signale, und damit auch die Möglichkeit, Grenzen in meinen Vorstellungen zu erweitern oder aufzuheben. Wie wenig wir aus dem Verstand heraus erspüren können, wurde mir gestern beim Lesen einer viel sagenden Statistik im provokanten Buch „SeelenGevögelt“ sehr bewusst:

„Unser optischer Sinn nimmt zum Beispiel nur etwa 0,0003 Prozent dessen wahr, was eigentlich zu sehen ist. Unsere Ohren hören nur 0,4 Prozent aller Geräusche, unsere Nase riecht nur 0,01 Prozent der gesamten Bandbreite an vorhandenen Gerüchen. Streng genommen stolpern wir also wie blinde Maulwürfe durchs Universum. (…). Tatsächlich haben Wissenschaftler berechnet, dass jeden Augenblick rund elf Millionen Bits (Einheiten) an Eindrücken von außen auf dich einströmen. Dein Nervensystem filtert jedoch einen Großteil der Informationen heraus. Um genau zu sein: 99,998 Prozent der äußeren Realität bleiben auf der Strecke! Das heißt, du nimmst nur etwa 0,002 Prozent der Gesamterscheinung des Menschen vor dir bewusst wahr.“


Lindau, Veit (2016): SeelenGevögelt, S. 153, 155.

Wir ahnen unbewusst unsere Begrenztheit, auch wenn der Verstand stets ein fertiges und vollständiges Bild suggeriert. Deshalb gibt es dieses manchmal ins Extreme gehende Kontrollbedürfnis, das Sicherheit suggerieren soll. Als ob etwas flüsterte: Wenn du genug kontrollierst und vorsorgst, kann nichts passieren. Und dieser Kontrollwahn hat die Welt zu dem gemacht, was sie momentan ist, zu einem riesigen Marktplatz:


„Wir haben aus dieser Welt einen Marktplatz gemacht statt einen schönen Garten, in dem jede Blume ihre eigenen Blüten trägt. Wir zwingen Margeriten dazu, Rosenblüten zu tragen – doch woher sollen die Margeriten denn Rosenblüten nehmen?“



Osho (1998): Das Buch der Männer. Die Krise des Mannes als Chance zur Selbstheilung, S. 29.

Wie hängen Kontrollwahn und Marktplatz zusammen? Sehr einfach. Warum kontrolliere ich? Weil ich eine bestimmte Vorstellung – sagen wir von meinem Gegenüber – habe, wie er sich zum Beispiel zu verhalten hat. Enttäuscht er meine Vorstellung, indem er zum Beispiel etwas anders macht, als ich es erwartet habe, werde ich wütend. Wer will schon am eigenen Leib die Wut des Anderen erleben? So wird sich mein Gegenüber normalerweise anpassen und sich so verhalten, dass er meine Vorstellung von ihm nicht enttäuscht. Er wird zum Beispiel sehr höflich und zuvorkommend sein. Er ´kauft´ sich seine Ruhe sozusagen, indem er bestimmte Dinge, die mir nicht gefallen, nicht tut.

Heutzutage wird auf dem Marktplatz der Welt mit allem gehandelt: Mit Pflanzen (Christbäume als „Qualität aus Steigerwald“), mit Tieren oder mit Menschen. Zum Letzteren ein paar Beispiele:

  • das zwangsverordnete Gesundheitsgeschäft in Form von Krankenversicherungen;
  • ´sich verkaufen´ für ein Unternehmen, dessen Werte man nicht teilt;
  • Selbstverrat im Privaten;
  • Handel mit Wissen und Ideen (Universitäten)
  • Handel mit Gott (Religionen)

Funktionieren

Die Welt in ihrer heutigen Form hat keinerlei Interesse, dass wir leben, sondern nur daran, dass wir funktionieren. Dann bekommen wir – vielleicht – irgendwann, irgendwie und von irgendwem eine besondere Medaille für unseren speziellen Verdienst. Ein Etikett. Nicht anders als Tannenbäume zu Weihnachten.

Tannenbaum als „Qualität aus Steigerwald“

Ein Baum, dessen Platz im Wald oder im Garten wäre, wird zu einem Objekt, zu einer Ware: Christbaum (als ob Christus Freude daran hätte, dass Bäume zu seiner Ehren gefällt werden…). Zu einer qualitativen Ware: Qualität aus Steigerwald. Er ist nicht mehr ein Baum, wie er de facto noch ist, sondern nur noch Qualität aus Steigerwald. Bereit zum Verkauf, um einen Menschen maximal für ein paar Wochen in seiner Wohnung oder seinem Haus zu beglücken, eigentlich zu befriedigen, um auf die flüchtige Freude hinzuweisen. Der Baum hat dafür Jahre gebraucht, um dieser Weihnachtsfunktion zu Opfer zu fallen. Dabei sieht der Mensch diesen Baum gar nicht, sondern nur die Funktion dieses Baums. Ganz mechanisch: Zu Weihnachten gehört ein Christbaum. Als ob es nicht genug Bäume im Wald gäbe, die man kostenlos und jeden Tag im Wald bewundern oder auch weihnachtlich schmücken könnte, ohne sie zu töten. Zu jeder Jahres- und Tageszeit, ihren Aroma in sich aufnehmen, sie umarmen, im Sommer in ihrem Schatten sitzen, im Regen Unterschupf bei ihnen finden, im Herbst ihre Blätter und Früchte sammeln.

Dass Funktion nichts mit dem Wesen eines Geschöpfes zu tun hat, zeigt das Beitragsbild. Es ist ein Kürbis, auf dem sein Preis, 5 Euro, steht. Man könnte statt fünf 50 oder auch  500 schreiben. Völlig beliebig und bedeutungslos für den Kürbis. Der Kürbis bleibt immer noch derselbe. Dabei schaut der Mensch auf dem Marktplatz bei einem Kürbis sehr aufmerksam auf den Preis und eher flüchtig auf den Kürbis (deshalb spielt der erste, optische und flüchtige Eindruck solch eine immens wichtige Rolle auf dem Marktplatz…). Auch Menschen sind längst Ware auf diesem irrsinnigen Marktplatz der Welt. Ressourcen, die sich darstellen und verkaufen müssen. Dabei zwingt sie niemand dazu. Sie sind längst ihre eigenen Sklavenhändler.

Garten Gottes

Ich habe das Bild vom Garten Gottes vor meinem geistigen Auge. Es ist ein Platz der Natürlichkeit, deshalb ist es eher ein Wald, als ein verstandesgepflegter, in seine Schranken zurechtgewiesener Garten. Das Kriterium dort ist nicht Funktion oder Nützlichkeit, sondern die Einzigartigkeit eines Wesens, das sich nicht erst unter Beweis stellen muss. Zur Zeit existiert Garten Gottes leider nur in meinem Kopf. Aber vielleicht muss er erstmal dort, in einer Vielzahl menschlicher Köpfe gegossen, gepflegt und gedüngt werden, bevor er sich in der Realität zeigen kann. Wer weiß…

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