Pflichtmäßige Pflichtpflege

Ich sollte mich eigentlich jetzt auf den Unterricht vorbereiten und meine Pflicht erfüllen und den Studenten einen – möglichst perfekten, leicht bekömmlichen, aber nicht zu einfachen – „Brei“ zum Thema Morphologie „kochen“, obwohl alles in mir seit gestern schreit: ICH HABE KEINE LUST, JEMAND AUS FALSCHEN MOTIVEN ZU DIENEN. ICH BIN KEIN DIENSTMÄDCHEN, DIE ZU EINER BESTIMMTEN ZEIT IRGENDWO ERSCHEINT UND IRGENDWAS TUT, WAS ANDERE VON IHM ERWARTEN! ICH BIN EIN MENSCH, KEIN ROBOTER! MENSCH-SEIN IST MEIN GEBURTSRECHT. MENSCH-SEIN IST KEINE PFLICHTERFÜLLUNG. ICH MÖCHTE ENDLICH MAL DIESE FALSCHE HAUT AUS PFLICHT UND VER-ANTWORTUNG ABLEGEN, ICH MÖCHTE MICH HÄUTEN HEUTE!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!! VON MIR IST NICHTS ZU ERWARTEN. ICH HABE NICHTS ZU GEBEN AUßER MIR SELBST, MEINEM SO-SEIN IN DIESEM EINZIGEN MOMENT. MEHR NICHT.

Wenn alle Menschen der Welt an einem einzigen Tag mit ihrer falschen pflichtmäßigen Pflichterfüllung aufhören würden, würde im Nu alles Falsche der Arbeitswelt mit ihren Uhren und Terminen wie Schlangenhaut von der Menschheit abfallen.

Ich wurde einst in die Sklaverei der Pflichten verkauft. Ironischerweise von den Menschen, die behaupteten, mich zu lieben. Ich wollte geliebt werden wie jedes Kind dieser Welt um seiner Selbst willen. Da ich nicht wusste damals, was Liebe eigentlich ist, und der elterliche Lob guttat, habe ich fälschlicherweise angenommen, dass Liebe ver-dient werden muss. Da schlich sich dieses subtile Gift in mich ein, Anerkennung bekommen zu wollen. Es gab ja auch genug Lehrer und später Dozenten und Professoren dafür. Auch Freunde und Arbeitgeber, bei denen ich mich be-mühte. Der Lohn: Ein paar automatisch ausgesprochene nette Worte, meist nebenbei, und ein paar Euro als Lohn, mit denen ich mich mehr schlecht als recht über die Runden halten konnte. Betteln um Eltern-Liebe ist ein direkter Weg in die Sklaverei der heutigen Arbeitswelt, die nichts anderes ist, als dies: Pflichtmäßige Pflichtpflege. Ach ja, Imagepflege inbegriffen. Auf keinen Fall wird toleriert: Ich selbst sein. Weinen wenn ich weinen will, wütend sein, wenn ich wütend bin, nichts tun, wenn ich nichts tun will oder kann. Ich bin ja schließlich erwachsen, kein Kind. Weinen, wütend sein, nichts tun muss ich schließlich vor aller Augen verbergen. Passt ja auch nicht zu meinem Erwachsenen-Image. Auf diese Weise bin ich meinem wahren Wesen er-wachsen. Bis mich der Tod von meiner pflichtmäßigen Pflichterfüllung er-löst.

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