Mehr ohne Meer

Gestrige Erkenntnis beim vorweihnachtlichen Teetrinken mit Studenten meiner Einführungsveranstaltung:

An der Uni herrscht ein unstillbarer Wissensdurst.

Wer weiß mehr? Wer hat mehr Werke von Kafka gelesen? Ein unsichtbarer Kampf um Sichtbarkeit und gesehen werden durch ein Mehr an dem sich angeeigneten Wissen.

Ich habe in ihnen soooo mich von früher erkannt..

Aus der heutigen Perspektive macht das Mehr auf Dauer nicht glücklich, denn es macht nur ehr-geizig, ehr-gierig. Der Blick ist stets auf das gerichtet, was man noch nicht weiß, was man noch nicht ist. Ein ewiges Mangelgefühl, das natürlich um jeden Preis versteckt werden muss. Zum Beispiel durch gute Noten..

Wissen ohne erlebbare Fülle des Lebens ist wie McDonald´s-Essen:

Es macht satt, ohne wirklich satt zu machen.

Verdauungsstörungen sind auf Dauer vorprogrammiert (weiß das am eigenen Leibe.. Obwohl ich mich die letzten Jahre meist sehr bewusst ernährt habe, Säure-Basen-Balance im Auge behaltend.. Also am Essen allein liegt es nicht..)

Nur Erkenntnis- und Seelentiefe verleiht dem Wissen einen Sinn, macht es qualitativ wertvoll, ohne dass ein quantitativer Ersatz oder Selbstbetrug stattfinden muss.

Denn wenn sich die Ansammlung von Wassertropfen nicht als Meer erkennt, denkt sie dann, dass ihr mindestens ein Wassertropfen fehlt, um ein Meer zu sein..

Aber die Vermehrung von Wassertropfen ändert am mangelnden Erkennen nichts,

wie auch die Vermehrung von Worten nichts an einer mangelnden Inhaltstiefe ändern kann..

Ich konnte das den Studenten gestern nicht sagen, es sagte sich einfach nicht, es fanden sich einfach keine Worte zum gegebenen Zeitpunkt. Aber ich glaube, dass das besser oder, besser gesagt, sinnvoll so ist. Ohne am eigenen Leibe erlebte Erkenntnis ist wenig heilend, höchstens ein weiterer Tropfen des Wissens-Mehrs, mit dem sie sowieso schon gefüttert werden. Und außerdem sollte es so sein, dass sie mir nicht weniger zu erkennen helfen, als ich ihnen. Manch Tiefgründiges bleibe manchmal lieber ungesagt, so unsichbar und leicht wie die Luft im unermesslichen Meer des Lebens..

 

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