(ge)horchen

Vor ein paar Tagen fanden zu mir folgende Bilder (Thomas hat es in einer Kirche in Altdorf bei Nürnberg aufgenommen), die mich – vor dem Hintergrund der neuesten Lektüre von Alice Miller („Das Drama des begabten Kindes und die Suche nach dem wahren Selbst“ und „Evas Erwachen“) – unheimlich getriggert haben:

Vor dem Hintergrund der erwähnten Lektüre bin ich zu solchen Artefakten hochgradig sensibel geworden. Sie sind Zeugnisse der Schwarzen Pädagogik, von der Alice Miller spricht, per se.

Die erste Frage, die sich stellt, ist: Was bedeutet gehorsam? Und dann: War Christus gehorsam?

horchen/ hören ist nicht gehorchen/ gehören

gehorsam bedeutet folgsam, willig, brav und geht auf das lateinische oboediēns mit der Bedeutung willfährig, fügsam zurück (https://www.dwds.de/wb/gehorsam). In beiden Fällen bedeutete das Wort die Fügsamkeit der Obrigkeit gegenüber (noch im 18. Jahrhundert stand Gehorsam auch für Gefängnis) und war in christlichen Kontexten gebräuchlich (ebd.).

Dabei liegt sowohl dem deutschen als auch dem lateinischen Wort das neutrale hören bzw. audīre zugrunde.

Nach der Lektüre von Alice Miller weiß ich nun, dass gerade in christlich geprägten Gesellschaften die Schwarze Pädagogik bei der frühkindlichen Erziehung sehr stark verbreitet ist. Folgsamkeit wird in einem sehr jungen Alter durch ´zarte´ Klapse herbeigeführt und reflexartig – wie bei Pawlowschen Hunden – antrainiert. Da das Kind in diesem Alter noch kein reflektierendes Bewusstsein und kein Erinnerungsvermögen hat, landet – aus der Sicht der Erwachsenen harmlose – er-zieherische Gewalt direkt im Unbewussten. Das Kind weiß dann auch normalerweise nicht, wofür es einst geschlagen wurde. Oft, gar meist, wird Bestrafung einfach verdrängt. Aus Überlebensgründen ´vergisst´ das Kind, was ihm widerfahren ist. Nicht so der Körper. Was körperlich abgespeichert bleibt, ist Angst und Wut.

Die hochgradig starken Emotionen der Angst und Wut sorgen dann auch im späteren Alter dafür, dass a. der Erwachsene oft blind den Autoritätspersonen folgt und b. an Schwächeren (es sind meist dann wieder Kinder oder Tiere) seine Wut abreagiert.

Mit den Bildern wie oben wird Gehorsam den Eltern, den Älteren und allgemein hierarchisch Höheren gegenüber institutionell gefördert. Gewalt darf sein. Opfer (symbolisch als Opferlamm) dürfen sein.

Normen als nicht hinterfragbare kulturelle
Selbstverständlichkeiten

Wie selbstverständlich der durch Schläge antrainierte Gehorsam in unseren ´zivilisierten´, durch christliche Nächstenliebe geprägten Kreisen ist, wurde mir gestern bei der Lektüre des Buches über den Stamm Piraha deutlich (Daniel Everett: „Don´t sleep, there are snakes. Life and Language in the Amazonian Jungle“).

Daniel Everett kam als christlicher Missionar zu dem Stamm und lebte samt seiner Familie jahrelang mit ihnen zusammen (schöner Dokufilm über ihn: https://www.youtube.com/watch?v=Z4wOzSrwW6E). Zu seinem Bild als junger Vater gehörte das disziplinierende Schlagen seiner Tochter selbstverständlich dazu:

„Piraha parenting involves no violance, at least in principle. But my model of parenting did. (…). I was a young father – Shannon was born when I was nineteen. And because of my immaturity and Christian parenting framework, I thought that corporeal punishment was appropriate and useful, following the biblical injunction that to spare the rod was to spoil the child.“

Daniel Everett (2009: 99): „Don´t sleep, there are snakes. Life and Language in the Amazonian Jungle“

Er beschreibt weiter, wie sich Pirahas für seine Tochter eingesetzt haben, als er sie einst schlagen wollte (übrigens hat Alice Miller herausgefunden, dass der Instinkt, ein Kind zu schlagen, nur bei denen automatisch aktiviert wird, die selber als Kinder physische Bestrafung erfahren haben).

Pirahas kennen – als wildes, ´unzivilisiertes´ Volk – keine Gewalt im Namen der Disziplin. Die Kleinsten werden als Erwachsene behandelt (dieses Buch ist übrigens sehr schön zu lesen, wenn man über selbstbeschränkende Glaubenssätze und deren Macht – auch bei Pirahas – erfahren möchte).

War Jesus gehorsam?

Die Inschrift „Er war gehorsam“ unter dem gekreuzigten Jesus bedient in subtilster Form erzieherischen Ansatz der Schwarzen Pädagogik, die übrigens das Phänomen der blinden Gefogschaft hervorgebringt. Die zum Gehorsam massenhaft abgerichteten Kinder im Dritten Reich (dazu schreibt ausführlich Alice Miller) waren erzieherisch prädestiniert dazu, einem Diktator zu folgen. Dazu hatten sie ja unermessliche Wut auf ihre frühen Peiniger, die sie nicht äußern durften. Und da sie sich meist an ihre ersten Peiniger nicht erinnern konnten (da sie zu jung waren), sie aber im Unbewussten trugen, waren sie ´getrieben´, sie an einem symbolischen ´Opferlamm´, d.h. an anderen Schwächeren und Unschuldigen, abzureagieren. Meines Erachtens müssten die Ansätze der Schwarzen Pädagogik spätestens nach dem Dritten Reich durch die Kirche hinterfragt werden.

Also zurück zu der Frage: War Jesus gehormsam? NEIN. Er war absolut selbsttreu. Er hat der inneren Stimme gehorcht (von horchen) und nicht einer äußeren Autorität gehorcht (von gehorchen). Genau deshalb wurde er bestraft. Anscheinend war die Schwarze Pädagogik damals sehr verbreitet, sodass Jesus seinen Peinigern genauso zu Opfer fallen musste, wie unzählige Selbsttreue nach ihm…

Gehorsam und sein Preis

Autoritätspersonen aller Stufen und Ebenen bedienen sich nach wie vor oft der altbewährten Muster der Einschüchterung, psychischen Gewalt, Manipulation etc., um ihre ´Untertanen´ in Schach zu halten und für ihre eigenen Zwecke zu nutzen. Dabei wird an frühkindliche Vorprogrammierung in Form von (körperlicher/ psychischer) Gewalt (wenn nicht durch Eltern, so spätestens durch manche Er-zieher) angeknüpft. So kann die Kohärenz von Opfer-Täter-Denkschema strukturell beibehalten werden (dass besonders ´auffällige´ Täter öffentlich bestraft und verurteilt werden, das spricht für die Selbstverständlichkeit des etablierten Schemas). Nur: Wirklich erfolgreich ist es nicht, sich selbst oder andere zu Opfern zu machen. Langfristig nutzt es niemand. Denn es erzeugt ein Klima der Angst, das direkt einem Klima entgegengesetzt ist, in dem echte Freude, echter Selbstausdruck, Kreativität, schöpferischer Flow möglich wären. Angst und Gehorsam vertragen sich nicht mit echtem Respekt oder bedingungsloser Liebe (dazu gibt es den wunderbaren Film „Alphabet. Angst oder Liebe“, Trailer https://www.youtube.com/watch?v=b_-KrJseVUo). Mit Alice Miller:

„Manches ist wissenschaftlich und statistisch bewiesen, beispielsweise daß geschlagene und bestrafte Kinder kurzfristig folgsamer sind und langfristig aggressiver und zerstörerischer.“

Alice Miller (2001: 123): „Evas Erwachen. Über die Auflösung emotionaler Blindheit.“

So gesehen fängt Angst vor einem Älteren, hierarchisch Mächtigeren nach wie vor sehr früh an. Auf ihr bauen dann Hierarchien jeglicher Art an: Lehrer – Schüler, Uniprofessor – Student, Gläubiger – Priester, Arbeitnehmer – Arbeitgeber etc. Dass solche Hierarchien eine strukturelle Disbalance, ja oft psychische Gewalt erzeugen, die die Potentialentfaltung hemmen, das ist im menschlichen Bewusstsein noch nicht ganz angekommen. Solange das Opfer-Täter-Schema Norm ist, das für Schuld-/Schamgefühle sorgt und das Denken befördert, dass ich dem nur entfliehen kann, wenn ich endlich mal selber Stärkere(r) bin, wird es immer Konkurrenzdenken und Schuld/ Wut-Ausgleichen-Wollen geben.

Hierarchien befördern nicht das Sich-Ausrichten nach innerer Stimme, sondern sich Ausrichten nach einer Autorität.

Solange wird es bei wachsamen Menschen einen Konflikt geben zwischen sich selbst treu sein und anderen folgen bzw. gefallen wollen. Die wahre Lehre Jesu von bedingungsloser Liebe scheint sich nicht gut mit hierarchischen Strukturen zu vertragen, die wir im Laufe der Jahrtausende erschaffen haben.

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