Umarmung statt Berührungsangst

Hase und Hund

Gestern habe ich hinter der Frontscheibe eines Autos ein Plüschtier gesehen, genauer gesagt zwei in einem: Ein größerer Hund, der einen kleineren Hasen umarmt. Dieses Bild löste in mir vieles aus. Ein paradiesisches Bild. Vor dem Hintergrund meiner Angst vor den Hunden, denen ich mich jedes Mal so ausgeliefert fühle wie ein Hase, ein Angsthase. Hase und Hund haben auf den ersten Blick – außer dem Anfangsbuchstaben H – nicht viel gemeinsam. Hund ist – in meiner Vorstellung – ein potentiell bissiges und oft bellendes Tier. Täter also. Hase ist ein klassisches Opfertier, das stets einem stärkeren zu Opfer fällt. Es kann sich weder durch eigene Kraft noch (mindestens) durch eigene Lautsprache verteidigen. Er gibt sich stumm, wenn es nicht anders geht, dem Tätertier hin. Gegensätze also…

Dieses Doppel-Plüschtier aber sprengte jede Vorstellung davon, denn der Hund umarmte den Hasen. Es ist ein Paradiesbild, das uns sagt, dass Neues auf diesem Planeten immer noch möglich ist, ja zutiefst ersehnt. Ich spürte: Es ist nicht nur möglich, sondern unsere kollektive Sehnsucht führt uns dahin. Neues wird kommen.

Yin und Yang

Yin und Yang sind Gegensätze, aber sie sind eins. Dies kommt mir gerade beim Schreiben in den Sinn. Gestern war ich beim Anblick der sich umarmenden Gegensätze nur einfach tief berührt. SO tief, dass mir wie aus dem Nichts folgende „Definition“ von Gott in den Sinn kam:

Gott ist die Kraft, die alle Gegensätze zum Verschmelzen, Umarmen und Sich-Gegenseitig-Auflösen führt. Gott ist dort, wo sich Gegensätze treffen und etwas Neues, Drittes, schöpferisch entstehen lassen. Gott ist der schützende liebende Rahmen, der schützende heilige Raum, wo nichts ausgeschlossen ist und sich in die eine oder andere Richtung, Yin oder Yang, oder deren Ausbalancierung (= Umarmung) ausprobieren will und entfalten kann.

Eins, das sich als zwei oder als viele ausgibt:

Lustigerweise hatte ich gestern noch ein persönliches Thema, das mich letzte Zeit sehr beschäftigt hat: Das Natürliche und das Künstliche. Das ist auch etwas, das einen Gegensatz in meinem Kopf bildet und sich scheinbar ausschließt. Ich bin für das Natürliche und spüre (fast lebenslang) einen tiefen Widerstand gegen das Künstliche. Die gestrige Hasen-Hund-Umarmung hat mir entscheidenden Hinweis gegeben.

Künstliches und Natürliches

Auf meinem gestrigen Spaziergang begegnete mir dieses Bild hier:

Blätter vom Vorjahr stehen für Natürliches. Sie sind erdig und sich zu Staubpartikeln zersetzend, manche von denen die Erde nähren und fruchtbar machen werden. Papierfetzen stehen für Künstliches. Sie sind bunt und wahrscheinlich ein flüchtiger Freudeausdruck eines Kindes gewesen. So fanden sie unfreiwillig zueinander: ´Echte´ und ´künstliche´ Kunststücke. Was vereint sie? Diese wie jene sind vergänglich. Was trennt sie? Diese sind nicht menschen-, sondern naturgemacht; jene sind menschengemacht. Aber ist der Mensch nicht ein Teil der Natur?

Die Antwort auf diese Frage lässt mich zögern. Wie ich es oft live sozusagen erlebe, scheint der Mensch sich immer mehr von der Natur weg zu entwickeln. Aber vielleicht scheint es mir nur so? Vielleicht probiert er sich nur in seiner Schöpferkraft aus? So, wie sich ein Kind ausprobiert hat, das diese Buntpapierblättchen hier hineingestreut hat.

Plötzlich fällt mir ein, dass Künsliches von Kunst und Kunst von können kommen. Künstliches ist dann ein durch das momentane Können eines Menschen eingeschränkter Versuch, etwas Neues zu erschaffen. Er probiert sich in seiner Schöpferkraft aus. Seine Proben sind durch kollektive Nachahmung einerseits und individuelle Schöpferkraft andererseits geprägt, oft technisch unvollkommen und künstlerisch wertlos wie erste Malversuche eines Kindes, aber auf ihre Weise originell. Sie sind zwar noch nicht so genial, dass sie am Kreislauf der Natur so frei partizipieren könnten wie Blätter eines Baumes, die zuerst aus Erde kommen und dann die Erde nähren, aber sind immerhin Versuche. Wie kann denn ein Mensch ein perfekter Schöpfer werden ohne seine eigenen Fehlversuche?

Künstliches darf und muss also sein, bis es eines Tages ins Natürliche übergeht, mit ihm verschmilzt und sich so in der Harmonie der Schöpfung auflöst.

Wollte es der Zufall, dass mir auf dem Spaziergang noch ein weiteres Bild des scheinbar Gegensätzlichen begegnete.

Dunkel und Licht

Auch hier spielen das dunkle Wasser und das sich darin widerspiegelnde (wiedererkennende?) Sonnenlicht miteinander, ineinander übergehend, die Grenzen zum Verschmelzen bringend. Atemberaubend dieses lebendige, sich spontan vor meinen Augen entfaltende Kunstwerk…

Hase und Hund, Licht und Dunkel, Natur und Kunst… Alles scheinbar Gegensätze. Wie kann ich aber nun als Mensch mit Gegensätzen umgehen?

Konflikt

Ein gängiger und kollektiv automatisierter Ver-such des Umgangs mit dem Gegensätzlichen lässt drei Optionen zu: Fliehen, Kämpfen, Erstarren. Alle drei sind konfliktgeladen und lassen die scheinbar bestehende Grenze sich nur verfestigen.

Wenn ich fliehe, dann will ich mit der Grenze zum Gegensatz gar nicht in Berührung kommen. Ich ziehe mich zusammen und tue so, als ob es den Gegensatz gar nicht gäbe oder als ob er schädlich und böse für mich wäre, pures Gift. Ähnlich wie beim Erstarren. Der Konflikt spielt sich dann in meinem Inneren ab. Es findet eine Verlagerung des Konfliktes nach innen statt, deren Manifestationen in Form von diversen Krankheiten sehr verbreitet sind.

Wenn ich kämpfe, dann will ich mich mit dem Gegensatz gar nicht ergänzen, sondern ich will den Gegensatz vernichten, in der Annahme, dass er mich auch vernichten will. Wenn sich der Gegensatz dazu noch zu verteidigen, zu rechtfertigen beginnt, wird die Fehlannahme sogar bestärkt: Ich hatte recht, er greift mich an, er will mich nicht haben, er will mich vernichten.

Konflikt ist also das Abprallen an der Grenze zum scheinbar Andersartigen und Gegensätzlichen. Konflikt kommt ja auch – wie der Blick in ein Etymologiewörterbuch bestätigt – von lat. cōnflīgere mit der Bedeutung zusammenschlagen, zusammenstoßen, in Kampf geraten.

Würdigung und Umarmung

Eine andere Möglichkeit wäre eine spielerische, wie die von Licht und Dunkel auf dem Bild oben. Oder eine umarmende wie die, auf die das Plüschtierpärchen aus Hund-Hase symbolisch verweist.

Wozu ist der oft so quälende Gegensatz überhaupt da? Zum einen, um mich erkennen zu lassen, wo ich gerade stehe und wer ich gerade bin. Zum anderen, um mich zur Überwindung meiner ureigenen inneren Spaltung, zur Ganzwerdung und Vollendung einzuladen. Denn:

Wenn ich mich heute begrenzt und eingeschlossen in mir selbst fühle, so weiß ich, dass ich morgen meine Unbegrenztheit erfahren werde.

Wenn ich mich heute im Dunkel erfahre, so werde ich mich morgen im Licht erleben.

Wenn ich heute an der Grenze meines Könnens abpralle, so wird morgen mein Kunstwerk genialer.

Wenn ich heute hungere und durste, so werde ich morgen wieder Fülle erleben.

Und auch:

Das Begrenzende gibt Halt für das, was sich einst als grenzenlos erfahren wird.

Das Dunkle dient als Spielkamerade für das Licht.

Das Alte nährt das Neue, das eines Tages wie aus dem Nichts sprossen wird:

Deshalb schließlich ist eine umarmende, würdigende Geste immer besser, denn erlösender.

Wenn ich das Begrenzende in mir würdige, gebe ich Schutz und Raum für das Grenzenlose in mir.

Wenn ich das Dunkle in mir umarme, werde ich Zeuge, wie das Licht in mir aufgeht (wenn nicht sofort, dann bald, wunder-voll und plötzlich, ohne dass ich es selbst merke).

Wenn ich das Alte, Kaputte und Zerbrochene würdige, nähre ich bereits das Neue, das sich jetzt schon unbemerkt für meine Augen unter der Oberfläche meines Wesens entfaltet.

Wenn ich das Künstliche würdige, würdige ich damit auch alle meinen eigenen Ver-fehlungen und Ver-suche, die mich einst in meine eigene Genialität führen werden (als Perfektionistin, die ich früher extremst war, weiß ich, wie schwer das manchmal fällt;)

Oder etwas banal: Nichts ist umsonst, alles hat seine Zeit und führt zu einem Ziel.

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